Hund während der Bestrahlung

Nachsorge und Lebensqualität

Hat Strahlentherapie bei Tieren Risiken und Nebenwirkungen?

24. Januar 2025
Dr. Jan Kuntz & Team

Die Strahlentherapie ist eine effektive Methode zur Behandlung vieler Krebserkrankungen bei Tieren wie bei Menschen. Um die Wirkung auf den Tumor so effektiv wie möglich zu gestalten werden auch Nebenwirkungen in Kauf genommen. Viele Nebenwirkungen sind mit dem richtigen Management sehr gut kontrollierbar und schnell abgeklungen. Der Nutzen der Strahlentherapie überwiegt dann bei weitem. In diesem Betrag geben wir einen Überblick über die wichtigsten Nebenwirkungen und behandeln die Frage, warum Nebenwirkungen für Strahlentherapieprotokolle so wichtig sind.

Welche Neben­wirkungen gibt es bei der Bestrahlung von Tumoren?

In der Strahlentherapie unterscheiden wir zwischen frühen und späten Strahlenreaktionen, also Nebenwirkungen die während oder kurz nach der Bestrahlung auftreten und solche, die zum Teil erst Jahre nach einer Strahlentherapie eine Rolle spielen.

Frühe Strahlenreaktionen sind dabei vor allem Reaktionen an Haut und Schleimhaut. Sie treten häufiger bei definitiven Protokollen mit vielen Sitzungen und einer niedrigen Einzeldosis auf.

Späte Strahlenreaktionen können Umbauprozesse des Gewebes, Schwächung von Binde- und Stützgeweben wie Knochen und die Entstehung von Narbengewebe sein. Diese Reaktionen spielen vor allem bei palliativen Protokollen mit wenigen Hochdosisfraktionen eine Rolle. Da sie erst nach Monaten bis Jahren relevant werden und dieser Zeitraum die Lebenserwartung der Tiere in der Regel übersteigt, nehmen wir dieses theoretische Risiko in Kauf.

Gerötete Haut am Fuß eines Hundes nach Strahlentherapie

Die häufigste Nebenwirkung der Strahlentherapie ist eine Desquamation der Haut, die mit Rötung und Schmerz verbunden sein kann. Diese Reaktion ist sehr ähnlich zu einem Sonnenbrand, sowohl was den Schmerz als auch die Heilung angeht.

Was sind die häufigsten Strahlen­reaktionen?

Bei der Bestrahlung von Tumoren ist die Priorität, dass das Tumorgewebe mit einer definierten Dosis bestrahlt wird. Um dieses Ziel sicher zu erreichen, wird der zu bestrahlende Bereich bewusst größer gewählt als der klinisch zweifelsfrei sichtbare Tumor. Es wird also ganz bewusst immer gesundes Gewebe mit der vollen Dosis mitbestrahlt. Das normale Gewebe reagiert auf die Strahlung gegen Ende oder nach Abschluss der Therapie mit Veränderungen wie Schwellung, Rötung, Haarausfall und Schmerzhaftigkeit. Diese Reaktionen sind einem Sonnenbrand sehr ähnlich und hauptsächlich auf der Haut und der Schleimhaut zu sehen. Das Fell fällt lokal an der bestrahlten Stelle häufig aus. Die Stärke der Strahlenreaktionen hängt vom gewählten Strahlentherapie-Protokoll ab.

Diese sonnenbrandähnliche Veränderung heilt normalerweise genauso schnell ab wie ein Sonnenbrand. Nach drei Wochen sind die Stellen in den allermeisten Fällen mit intakter Haut bedeckt, die oft noch dünn und empfindlich ist. Bis die Haare nachwachsen dauert es länger, das neue Fell ist nach der Strahlentherapie grau oder weiß und wächst häufig etwas dünner nach.

Für ein komplikationsloses Abheilen der schmerzhaften Stellen ist es besonders wichtig, dass die Tiere nicht kratzen oder lecken. Dies sorgt für zusätzliche Verletzungen, Irritationen und bakterielle Besiedelung, sodass zusätzlich eine Entzündung der Haut, eine sogenannte Dermatitis entstehen kann. Sollten Hund oder Katze im Strahlenfeld kratzen müssen sie konsequent einen Halskragen tragen!

Ein Hund trägt zum Schutz vor Automaniulation einen Halskragen

Beim Auftreten der frühen Strahlenreaktionen ist konsequentes Handeln gefragt: 

Das Tier darf im bestrahlten Bereich auf keinen Fall kratzen oder lecken. Beim geringsten Verdacht muss der Patient bis zum Abheilen konsequent einen Halskragen tragen. So können die Reaktionen abheilen und es gibt keine sekundären Verletzungen oder Entzündungen.

Wenn die Tiere eine gute Prognose haben und die Lebenserwartung mehrere Jahre ist, arbeitet man mit langen, sogenannten definitiven Protokollen, die eine hohe Gesamtdosis und viele Fraktionen haben. Nach dieser Art der Bestrahlung sehen wir eine nässende und trockene Desquamation der Haut und die Bildung von Fibrinbelägen auf der Schleimhaut. Bei palliativen Protokollen geht es hauptsächlich darum, die Lebensqualität des Tieres zu verbessern und die letzten Monate das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten. Bei diesen Protokollen kommt es zu nicht allzu starken kurzfristigen Nebenwirkungen. Auf die lange Sicht könnten bei einigen Fällen nach mehreren Jahren Langzeitnebenwirkungen auftreten, die aber in den allermeisten Fällen aufgrund der Lebenserwartung des Tieres nicht mehr erlebt werden.

Welche Neben­wirkungen sind noch möglich?

Grundsätzlich sind noch weitere und auch gravierende Nebenwirkungen möglich. Besonders kritisch ist es, wenn Risikoorgane sehr nahe am Tumor liegen. Wir versuchen sie so gut wie möglich zu schonen, in einigen Fällen müssen sie dennoch in einigen Teilen die volle Dosis bekommen. Besonders offensichtlich ist dies bei Tumoren am oder sogar auf dem Auge.

Plattenepithelkarzinom am Auge eines Haflingers

Bei einem Tumor auf dem Auge, hier ein Plattenepithelkarzinom, ist das Auge durch die Strahlentherapie akut in Gefahr. Wir sprechen dann von einem Risikoorgan. Dieses Risiko spricht aber in den wenigsten Fällen gegen die Strahlentherapie, da die Alternative zu dieser Behandlung eine Enukleation, also ein Entfernen des Auges ist und häufig, so wie hier, das Risikoorgan komplett verschont bleibt. 

Auch bei innenliegenden Tumoren kann es zu weiteren Nebenwirkungen kommen. Wenn etwa Darm mitbestrahlt wird sind Durchfall und vorübergehende Verdauungsprobleme möglich. Manchmal helfen Futterzusätze in dieser Zeit. Diese und weitere Fragen besprechen wir individuell mit den Patientenbesitzern.

Auch wenn wir uns über schnelle Reaktionen des Tumors in vielen Fällen freuen, kann dies bei einigen Patienten zum Risiko werden. Wenn sich Tumorgewebe zu schnell und unkontrolliert zurückzieht hat das gesunde Gewebe unter Umständen keine Zeit die entstehenden Lücken zu schließen. In diesen Fällen kann es zu Fisteln kommen. Diese sind zum Beispiel auch zwischen Maulhöhle und Nasenhöhle möglich, was zu Problemen und Einschränkungen führen kann.

Welche Rolle spielen Strahlen­reaktionen bei der Entwicklung von Bestrahlungs­protokollen?

Ziel der Bestrahlung ist es, das Tumorgewebe möglichst effizient zu schädigen und damit die Prognose für den Patienten so gut wie möglich zu gestalten. Hier würde man gerne mit möglichst hohen Dosen bestrahlen. Die Nebenwirkungen wären dann auch entsprechend stark. Für Protokolle, die gar keine Nebenwirkungen hervorrufen müsste man die Dosis so stark reduzieren, dass auch die Tumorkontrolle sehr viel schlechter ist. Wir suchen bei der Entwicklung von Protokollen immer den Kompromiss: Die Nebenwirkungen sollen möglichst nur so stark sein, dass das Management gut möglich ist und die Tiere die Nebenwirkungen gut ertragen können. Gleichzeitig wollen wir eine gute Tumorkontrolle. Im Allgemeinen kann man sagen, dass Strahlenreaktionen eigentlich ein gutes Zeichen sind, dass in der ungünstigen Situation der Tumordiagnose das Möglichste gemacht wurde.

Hund springt über einen Graben

Treten auch bei der Schmerz­bestrahlung Neben­wirkungen auf?

Aufgrund der geringen Dosis und der wenigen Fraktionen ist bei der Bestrahlung von Arthrose und chronischen Schmerzen das Auftreten von Nebenwirkungen extrem selten. Interessanterweise beobachten wir hier aber dennoch bei einigen Patienten und manchen Rassen einen Haarausfall im bestrahlten Bereich, üblicherweise ohne stärkere Reaktionen und Veränderungen der Haut. Um dies genau zu erfassen ist es für uns wichtig, dass Sie uns solche Nebenwirkungen wissen lassen, auch wenn diese längere Zeit nach der Bestrahlung auftreten.

Equinox

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